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„Stadtteilhabe“ - ein großes Planungsexperiment im Rahmen der „Grünen Hauptstadt Europas – Essen 2017“

Impressionen von der Fachtagung. Fotos: Samuel Becker

Teilhabe als wichtiges Element der Demokratie, das bürgerschaftliche Potenzial entwickeln, um gemeinsam mit der Kompetenz der Fachleute die Zukunft zu planen: „Es hat über 50 Jahre gebraucht, bis ich als Bürger gefragt wurde, mitzumachen – die Gelegenheit habe ich ergriffen,“ brachte es einer der Mitwirkenden auf den Punkt. Über 300 Teilnehmer – darunter fast 100 Bürgerinnen und Bürger aus einem sechsmonatigen Planungsexperiment – trafen sich am 14. September zur Tagung „Infrastruktur für unsere Zukunft“ im Ruhrturm in Essen: Ingenieurinnen und Ingenieure, Bürgerinnen und Bürger und Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung. 

Eine interdisziplinäre Mischung – ein Teilnehmerportfolio, das so nicht jederzeit zusammenkommt. Aber die Tagung fand im Rahmen des Projektes „Stadtteilhabe“ statt, und das Projekt hatte von Beginn an diese Mischung zum Ziel. Es war ein großes Experiment der Ingenieurkammer-Bau NRW und der Stadt Essen mit dem Partner „Bürgerschaft Kupferdreh“ und mit der intensiven Unterstützung der Initiative Bigwam aus Essen-Bergeborbeck. Ein Experiment, das zeigen will, dass der Austausch aller an städtischer Entwicklung Beteiligten gleichzeitig, auf Augenhöhe und getragen von gegenseitigem Respekt, zu starken Ideen und konsensfähigen Lösungen führen kann. Ein gelungenes Experiment, wie ein Teilnehmer der Workshops – in denen engagiert über die Zukunftsthemen Energiewende und Verkehrsraumgestaltung diskutiert wurde – im abschließenden Plenum resümierte: „Für mich war das neu, interessant und spannend, mit Kollegen über bekannte Themen mal anders zu reden und zu denken, habe dazugelernt.“ Ein gelungenes Experiment auch, weil beteiligte Bürger die Arbeit von Ingenieuren kennen und wertschätzen lernen konnten. Für einen Schüler aus einer der Projektgruppen eine klare Sache, als die Frage gestellt wurde, was denn ohne Ingenieure wäre: „Dann wären Gebäude nicht so stabil, dann stünde vielleicht nichts mehr.“ 

Der Startschuss für die Aktion fiel bereits im März dieses Jahres, als sich 14 Bürgerteams auf einen großen Erfahrungstag einließen. Über altersgerechte und themenzentrierte Vorträge wurden sie mit ingenieurtechnischem Grundwissen „ausgestattet“. Anschließend machten sie in einem 17-Stationen-Testpark persönliche Erfahrungen: mit dem Rollstuhl über eine Rampe, mit dem Blindenstock selbst orientieren, am Plan 1:50 erste Ideen scribbeln, die Wegezeiten über eine Ampelkreuzung berechnen – und und und. Sechs Monate haben die 120 beteiligten Bürgerinnen und Bürger – vom Grundschulkind bis zum Senior – anschließend an ihren Ideen und Entwürfen gearbeitet – immer auch mit dem Blick, ihre Arbeiten im Rahmen der heutigen Tagung zur präsentieren. Begleitet wurden sie am Einführungstag und bei einem Beratungsworkshop von den Experten der IK-Bau NRW: Sie haben als Ingenieure die Grundlagen gelegt – was geht, wie man was berechnen und bedenken muss -, ohne zu enge Grenzen zu ziehen.
Mit der Tagung „Infrastruktur für unsere Zukunft“ fand dieses Planungsexperiment der qualitativen Bürgerbeteiligung seine erste Abrundung. 

In seinem Grußwort machte Dr.-Ing. Heinrich Bökamp (Präsident der Ingenieurkammer-Bau NRW) schon zu Beginn die Intention deutlich: „Es ist für uns Ingenieurinnen und Ingenieure ein immer stärkerer Teil unserer Arbeit, unsere Überlegungen transparent zu machen, Konsens zu erreichen und politische und bürgernahe Information in unsere Arbeit zu integrieren. Denn es geht immer, vielleicht sogar immer mehr darum, Nutzungskonflikte im Raum mit allen gemeinsam zu lösen. Dazu braucht es Respekt, Engagement, Vertrauen, Empathie auf allen Seiten und letztendlich gemeinsames Handeln. 

Auch der Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen – der bereits bei der Auftaktveranstaltung im März dabei war, begrüßte das Gesamtprojekt und stellte es in den Zusammenhang mit den Zielen der „Grünen Hauptstadt Europas – Essen 2017“. Denn die „Grüne Hauptstadt Europas“ ist ein Mitmach-Projekt – und Stadtteilhabe ist eines davon. 

In seinem Impulsvortrag nahm Dr. Volker Hassemer, Vorstandsvorsitzender Stiftung Zukunft Berlin, die Teilnehmer mit auf den gedanklichen Weg der Partizipation – „Stadtentwicklung in gemeinsamer Verantwortung“ - und stellte diese Entwicklung in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang. 

Im Anschluss zeigten Experten und Nutzer am Beispiel der Klimaschutzsiedlung Qbus in Düsseldorf, wie gemeinsam Planung gut gelingen kann, aber auch welche (unerwarteten) Hürden bisweilen gemeistert werden müssen. 

Bunt wurde es nach der Mittagspause, als die Bürgerteams den Experten und städtischen Entscheidern zeigten, welche Ideen sie entwickelt haben und - moderiert von Ralph Erdenberger, WDR 5 - auch erläuterten, welche Erfahrungen sie mit dieser qualitativen Form der Beteiligung gemacht haben. Und natürlich waren sie alle gespannt darauf, wie die Internetvoter (abstimmen.stadtteilhabe.de – dort kann man auch immer noch die verschiedenen Entwürfe anschauen) und die Fachjury ihre Entwürfe bewertet hatten. Denn die Teams haben nicht nur ihr Nutzerwissen in die Überlegungen zur Umgestaltung ihres Lebensumfeldes eingebracht und konkrete Planungserfahrungen gesammelt, sondern auch um eine Prämierung gekämpft.

Intensive eigene Erfahrungen sammelten alle Tagungsteilnehmer im letzten Teil der Veranstaltung. In den Workshops „Energiewende“ und „Verkehrsraumgestaltung“ hörten sie zunächst die Anforderungen zu diesen Themen jeweils aus der Perspektive einer Kommune, der Zivilgesellschaft und der Ingenieure. Angeregt durch diese Vorträge, diskutierten die Teilnehmer aus ihrer eigenen Perspektive das Gehörte und entwickelten in ihren interdisziplinären Gruppen fortführende oder neue Vorschläge zu den Workshopthemen.

Insgesamt ein ungewöhnliches Projekt – ein großes Experiment und geeignet, ganz neue und aufregende Erfahrungen zu machen. 

 

Weitere Infos unter www.stadtteilhabe.de  - den Flyer mit Infos zum Programm der Tagung finden Sie hier