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Veranstaltung barrierefreies Bauen zeigt und hinterfragt Barrieren

Die Diskussionsrunde beleuchtete verschiedene Facetten des Themas. Fotos: IK-Bau NRW/Edda Mair

Moderator Ralph Erdenberger testete den "Altersanzug" mit Hilfe von Prof. Dr. Ingo Froböse auf der Aktionsfläche.

Zahlreiche Ingeneiure nutzten die Gelegenheit zum Austausch beim Frühstück im "Stand-Café.

Gar nicht so leicht - eine Besucherin probiert mit Augenklappe und Taststock den taktilen Gehweg.

Die Tastbox: Etwas erfühlen, was man nicht sieht.

Ein selbstbestimmtes Leben ist nachweislich ein Leben mit größerer Zufriedenheit und gesundheitlichen Vorteilen. Dies zu gestalten, zu planen und auszubauen im Sinne der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben beschreibt den Spannungsbogen, über den die Podiumsteilnehmer und das Publikum ebenso engagiert wie kontrovers und facettenreich bei der Veranstaltung „Bauen im Fokus der Inklusion“ am 14. Januar in Essen diskutierten.

„Zum Schritt auf die Bühne fehlt da schon mal die Rampe“, stellte Moderator Ralph Erdenberger schmunzelnd fest. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, im „Altersanzug“ seinen heutigen Arbeitsplatz zu betreten. Mit Manschetten, Weste und Stock versetzt einen solch ein Anzug schlagartig in die (Un-)Beweglichkeit eines alten Menschen, der mit den Gegebenheiten seiner Umgebung klar kommen muss. Die fehlende Rampe sprach auch einen wichtigen Aspekt der Diskussionsrunde an: Ist es wirklich sinnvoll, alle Barrieren wegzubauen oder wäre es nicht auch sinnvoll, gezielt Barrieren stehen zu lassen? Eine Überlegung, für die Prof. Dr. Ingo Froböse (Leiter des Zentrums für Gesundheit durch Sport und Bewegung der Deutschen Sporthochschule Köln) vehement plädiert: „Mobilität zu erhalten bedeutet vor allem, Mobilität zu trainieren und das ist nur durch Bewegung und Belastung möglich.“ So finde er das Signal, immer mehr Barrieren abzubauen, fatal, es verschärfe die Situation eher.


Kammer-Präsident Dr.-Ing. Heinrich Bökamp umriss das Thema der Veranstaltung zur Begrüßung mit „dem großen Raum zwischen Schwarz und Weiß, total begrenzt und grenzenlos barrierefrei“, der von Ingenieurinnen und Ingenieuren gestaltet werden müsse und die für ihr Handeln und ihre Handlungsfähigkeit das Instrument einer „neuen“ Landesbauordnung in nächster Zeit benötigten. Anschließend erläuterte Dipl.-Ing. Thomas Kempen in einem Impulsreferat „Gebäude und Freianlagen barrierefrei nutzen: eine Ingenieuraufgabe?!“ Als wesentliche Änderung in der allgemeinen Wahrnehmung und Debatte benannte er einen Paradigmenwechsel von Integration (alles lassen, wie es ist, und Behinderte mitnehmen) zu Inklusion (das Umfeld ändern und Behinderte mitnehmen). Für die entsprechende Ingenieuraufgabe dabei verwies auch er auf die aktuell anstehende Änderung der Landesbauordnung.


Michael von der Mühlen
 (Staatssekretär im NRW-Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr) konstatierte den angesprochenen Paradigmenwechsel ebenfalls und zeigte sich zuversichtlich, dass die erwartete Änderung der Landesbauordnung als wichtige Basis im Planungsprozess noch im Laufe dieser Legislaturperiode verabschiedet wird. 


Elisabeth Veldhues
, Beauftragte der Landesregierung für die Belange der Menschen mit Behinderung, betonte die Herausforderung der kommenden Jahre für Politik und Wohnungswirtschaft, barrierefreien Wohnraum im angestammten sozialen Umfeld zu schaffen. Das Thema sei bei den Experten angekommen. 


Tim Rienits
, Geschäftsführer StadtBauKultur NRW, machte darauf aufmerksam, dass die Gefahr bestehe, beim „grenzenlos barrierefreien“ Bauen gestalterische Aspekte zu vernachlässigen. Man dürfe nicht die absolute Barrierefreiheit mit dem Verlust gestalterischer und optischer Funktionen erkaufen.


Die angeregte Diskussionsrunde wurde von Fragen und Beispielen aus dem Plenum komplettiert. Zum Abschluss sammelten viele Teilnehmer der Veranstaltung praktische Erfahrungen auf der Aktionsfläche am Messestand der Ingenieurkammer-Bau NRW ein: mit dem Rollstuhl, im Altersanzug, beim Tasten ohne Sicht und beim Gehversuch mit Augenklappe und Taststock. Die Erfahrungen bei Diskussion und Praxisrunde wurden danach gern beim zünftigen Grünkohlessen ausgetauscht.

 

Weitere Infos zum Programm der Veranstaltung finden Sie hier.